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Offener Brief an die Herausgeber und Chefredaktion der Frankfurter Rundschau

Die Frauenbewegung als treibende Kraft für gesellschaftlichen Fortschritt

Montag 1. April 2019

Einige Anmerkungen zu dem Artikel „Muslim wirkt wie ein Signalwort“ von Manuel Almeida Vergara vom 23.03.2019


Sehr geehrte Bascha Mika, Thomas Kaspar und Michael Bayer,

Anlass für den besagten Artikel war ein offener Brief iranisch-stämmiger Feministinnen an den Leiter des „Frankfurter Museum Angewandte Kunst“, Direktor Matthias Wagner K, in dem die Anfang April 2019 startende Ausstellung „Contemporary Muslim Fashion“ kritisiert wurde.

Lebenserfahrung iranischer Frauen wertschätzen

Kernaussage des Artikels ist kurz zusammengefasst, dass es Kritik an der Ausstellung gebe, weil die Wörter „Muslim“, bzw. „muslimisch“ triggern und Reaktionen hervorrufen würden, die Zuschreibungen wie „jüdisch“ oder „christlich“ eben nicht hervorriefen. Verklausuliert behauptet der Autor, Grundlage des offenen Briefes sei Islamfeindlichkeit. Diese unterstellt er Frauen, die, wie sie in dem offenen Brief erörtern, am eigenen Leib erfahren haben, was es – insbesondere für Frauen – bedeutet, wenn der fundamentale Islam sich ausbreitet. Eine Erfahrung, die sie zwang, ihre Heimat, ihre Familien, Bekannten, Freundinnen und Freunde, alles Vertraute zu verlassen. Eine Erfahrung, die sie gehofft hatten, in ihrem Leben nicht noch einmal machen zu müssen. Nun aber in der weit verbreiteten Verharmlosung und Verherrlichung der Insignien des fundamentalen Islams, zu denen Hijab, Niqab und Burka gehören, deren Verklärung als kulturelle Bereicherung und Zeichen von Selbstbestimmung, Vorboten einer ähnlichen Entwicklung auch in Europa, konkret auch in Deutschland, erkennen. Und u.a. mit dem offenen Brief ihre warnende Stimme erheben. In dem Artikel werden sie mit dem Stempel „islamfeindlich“ etikettiert. Warum bitteschön sollten iranisch-stämmige Frauen, die vor den Mullahs geflohen sind, große Sympathien für den Islam hegen?

Die Frauenbewegung als treibende Kraft für gesellschaftlichen Fortschritt

Den Artikel leitet Manuel Almeida Vergara auf seiner Facebook-Seite, auf der als Dandy Manuel Almeida Vergara firmiert und mit Fotos mit Harald Glööckler Eindruck zu schinden versucht, mit folgendem Statement ein: „Für patriarchale Strukturen, die Frauen zur Bedeckung zwingen, ist in einer freien Gesellschaft kein Platz. Aber genauso wenig für einen verkrusteten Altfeminismus, der Musliminnen ebenso ihre Entscheidungsfreiheit abspricht und damit rechte Ressentiments bedient. Mein Text in der Frankfurter Rundschau zur Ausstellung #contemporarymuslimfashions im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main. #muslimfashions #terredesfemmes #feuilleton“

Die Einordnung als „Altfeministinnen“, die „rechte Ressentiments“ bedienen, finden wir – vorsichtig formuliert – befremdlich. Noch dazu von einem Autor eines Mediums, das sich vermutlich als progressiv versteht. Wir sind Feministinnen der berühmten „zweiten Welle“. Einige von uns sind deutscher Herkunft, andere haben Wurzeln in verschiedenen Teilen der Welt. Sie selbst, oder ihre Familien, wollten oder mussten sich in Deutschland ansiedeln. Einige von uns sind Mitfrau bei Terre des Femmes (TdF), andere nicht. TdF ist eine der ältesten Frauenorganisationen in Deutschland, in der sich völlig selbstverständlich Frauen mit und ohne Migrationserfahrung engagieren. Darunter auch Frauen mit muslimischem Hintergrund, auch gläubige Musliminnen. Uns alle eint der Kampf um die Rechte, die wir mühselig errungen haben und die wir nun, unter dem Deckmäntelchen der „Vielfalt“ und „Toleranz“ massiv bedroht sehen. Diese Rechte gelten auch für Mädchen, die das Pech haben, in streng religiöse oder fundamentalistische muslimische Familien hineingeboren zu sein. In unserer Kindheit war auch diese Gesellschaft sehr viel stärker religiös geprägt, was immense Auswirkungen auf Frauenleben hatte. Unsere Mütter mussten ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Sie hatten kein Sorgerecht für ihre Kinder, auch nicht im Falle einer Scheidung, auch nicht dann, wenn die Kinder in ihrem Haushalt lebten. Das Sorgerecht lag bis 1975 ausschließlich bei den Vätern.

„Bis dass der Tod Euch scheidet“, das galt noch was in der hiesigen Gesellschaft zu Zeiten unserer Kindheit. Für so manche Frau bedeutete das, sich nicht aus einer Ehe lösen zu können, auch dann nicht, wenn sie massiver Gewalt ausgesetzt war. Manche Frau hat deshalb ihr Leben lassen müssen.

Wir können uns noch gut daran erinnern, in rosa Röckchen, weiße Strumpfhose und schwarze Lackschühchen gesteckt zu werden, die uns jedwede Bewegungsfreiheit nahmen, weil sie nicht schmutzig werden durften. Es ist noch nicht so lange her, dass auch hier Frauen und Mädchen in Trachten gesteckt wurden, die sie als „verheiratet“, „verlobt“ oder „noch zu haben“, also Freiwild, markierten. Damals wurden auch hierzulande die Töchter und auch die Söhne früh verheiratet. Es ist noch nicht so lange her, dass Frauen, die nicht verheiratet waren, von ihren Familien ins Kloster gesteckt wurden. Wir sind diejenigen, die sich dagegen aufgelehnt und mit vielen anderen zusammen u.a. den Minirock, das kleine Schwarze und den Bikini durchgesetzt haben. Wir sind diejenigen, die ihre Büstenhalter verbrannt haben. Wir haben im Blaumann Miss-Wahlen aufgemischt und sind im Mini und mit High Heels danach in die Disco tanzen gegangen. Weil wir es konnten. All das, was heute selbstverständlich erscheint, haben wir hart erkämpfen müssen. Das erschien in allen Phasen dieses Kampfes einem großen Teil der Gesellschaft, insbesondere dem männlichen, als „nicht zeitgemäß“.

Patriarchale Selbstherrlichkeit

Autor Dandy Manuel Almeida Vergara scheint sehr zügig, in noch jungen Jahren, zum berühmt-berüchtigten „alten weißen Mann“ mutiert zu sein. Zum Patriarchen, der sich anmaßt, uns anzuweisen, was wir zu diskutieren haben und vor allem, wie wir es zu diskutieren haben: Nämlich gar nicht. Er möchte unsere Stimmen zum Schweigen bringen. Das eint ihn übrigens mit der hinter der Ausstellung stehenden „muslim fashion“: Frauen ihre Persönlichkeit zu nehmen, sie zu uniformieren, ihnen ihr Gesicht und ihre Stimme, schlicht ihnen ihre Würde zu nehmen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob die Kostümierung in dunklen, gedeckten Farben daherkommt, oder – wie in der beanstandeten Ausstellung – in bunt statt braun.

Migration ist ja leider sehr in Verruf geraten. Migration hat jedoch unbestreitbar viele Vorteile. Einer davon ist, dass sie uns Menschen beschert hat, die konkrete Erfahrungen mit totalitären Regimen wie z. B. dem Iran gemacht haben und die diese Erfahrung in den Diskurs einspeisen können. Wir müssen ihnen nur zuhören. Das ausgerechnet ein Medium, das sich als fortschrittlich versteht, das verklausuliert mit dem Lable "AfD-nah" abtut, befremdet uns wie gesagt sehr.

Doch so gern uns Autor Dandy Manuel Almeida Vergara auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgen würde: So alt sind wir nun auch wieder nicht, und wenn er Pech hat, wird er sich noch Jahrzehnte mit uns auseinandersetzen müssen. Denn solange noch ein Funken Leben in uns ist und wir einigermaßen klar denken und uns artikulieren können, werden wir laut und vernehmbar unsere Stimme erheben und unsere erkämpften Rechte verteidigen.

Wir wollen niemanden bevormunden, sondern unsere Freiehit verteidigen. In mehr als 50 Ländern dieser Welt wird der fundamentale Islam, durchaus in leicht variierender Form, gelebt. Wer Wert legt auf diesen Lebensstil, sollte also durchaus einen geeigneten Platz dafür finden. Deutschland gehört definitiv nicht dazu. Und wir werden alles dafür tun, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Der Kampf für Frauenrechte mag old-fashioned scheinen. Zwar sind wir zwischenzeitig Schritte voran gekommen. Übrigens genau wegen der von Autor Dandy Manuel Almeida Vergara geschmähten Altfeministinnen. Gegenwärtig aber wird vieles, das wir Altfeministinnen erkämpft haben, zurückgeschraubt. Insofern ist unser Kampf en vogue. Frauenrechte waren, sind und bleiben nicht verhandelbar.

Mit freundlichen Grüssen

Gabriele Afra, Dipl. Soz.Päd.

Jeannette Baretella, Schulpsychologin iR.

Juliane Beer, Autorin, Berlin

Inge Bell, Unternehmensberaterin, Leipzig - München - Berlin (Stellv. Vorstandsvorsitzende TERRE DES FEMMES e. V. Stellv. Vorstandsvorsitzende SOLWODI Bayern e. V. Vorstand "Verein zur Förderung von Behinderteneinrichtungen im Ausland" e. V. Vorstand Thomaskirche-Bach-Verein e. V. Journalistinnenbund Preisträgerin "Frau Europas" Trägerin Bundesverdienstkreuz am Bande)

A.E.I. Borchhardt, Künstlerin

Deniz Can, Leverkusen (säkulare Muslimin)

Claudia Drost, selbständige Handwerkerin, Wuppertal

Birgit Ebel, Lehrerin, Bielefeld (Mitglied der Partei "die Grünen", Mitfrau bei Terre des Femmes, Gründerin der Präventiionsinitiative "extremdagegen!", Herford)

Mitra Fazeli, Informatikerin, Dortmund (Mitglied der iranischen Frauenverein "Parto e. V.")

Birgit Gärtner, Journalistin und Buchautorin, Hamburg

Justyna Grund, Digital Consultant

Fatime Tarhan Kiziltoprak , Selbstständig im Gesundheitswesen, Bayern

Gisela Jacobshagen, Dipl. Sozialpädagogin, Musikerin (Mitfrau bei Terre des Femmes)

Anja Jesinger, Stuttgart (Frauenrechtlerin)

Monireh Kazemi, Frankfurt/Main

Eïrene Lambert, Heilpädagogin

Beate Lindemann, Autorin, Schleswig Holstein

Sabine Minten, Bonn

Silke Motzenbäcker, Diplom Volkswirtin (SPD-Mitglied)

Mahshid Pegahi, Chemikerin, Langen (Hessen) (Mitglied der iranischen Frauenverein "Parto e. V.")

Monika Reber, Lehrerin i.R.

Patricie Saigh, Frankfurt/Main

Ingrid Schroeter, Essen, Grundschullehrerin

Aghdas Shabani, Hannover (Frauenrechtlerin)

Bettina Soltau, Psychologin (Vorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen Märkisch Oderland)

Anne Spiegelberg, Lehrerin

Gabriele Thimm, Lehrerin i.R., Essen

Hellen Vaziry, Informatikerin, Köln

Astrid Warburg-Manthey, Dipl.-Soz-Päd, Hamburg (Gleichstellungsbeauftragte, Kommunalpolitikerin, TdF-Mitfrau)

Sigrid Weber, Rentnerin (ehemalige Sachbearbeiterin), Sulzbach-Saar (ehrenamtliche Vorsitzende eines Siedlungsfördervereins mit Schwerpunkt Jugendarbeit)

Ellen Widmaier, freie Schriftstellerin (VS), Münster/Westf.

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